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fahrrad-Meditation

Aktualisiert: 8. Juli


Der Radweg, eine eierlegenden Wollmilchsau

Er soll alles gleichzeitig leisten: Erholung, Sport, Familienausflug, E‑Bike‑Tempo, Anfänger-Tempo, Hundespaziergang, Sightseeing, Training, Durchkommen, Ausweichen, Überholen.

Viele unterschiedliche Nutzungsauslegungen treffen hier aufeinander — und ebenso viele Erwartungen. Es kann nur dort gut funktionieren, wo eine gelassene — fast schon urlaubsgleiche — Stimmung entsteht, sich etwas lockert und weicher wird — ein Teil von dem, das wir jeweils für selbstverständlich gehalten haben.

Gerade in einer Urlaubsregion, in der Hochsaison, treffen Menschen mit völlig unterschiedlichen Erwartungen aufeinander. Die einen wollen genießen. Die anderen wollen vorankommen. Manche suchen Ruhe. Andere suchen Tempo. Und alle teilen denselben schmalen Raum.

In dieser Verdichtung entstehen die Spannungen: Die Überforderung. Die Unachtsamkeit. Geschwindigkeit, die größer als die Aufmerksamkeit. Ablenkung, die stärker als die Verantwortung. Unverbindlichkeit, die lauter als das Miteinander. Und Leistungsbetonung, stärker als das Wahrnehmen.

Der Radweg zeigt uns, wie wir miteinander umgehen, wenn jeder nur seine eigene Linie verfolgt. Er zeigt uns, wie wenig Spielraum bleibt, wenn niemand einen Schritt zurücktritt. Und er zeigt uns, wie viel möglich wäre, wenn wir es doch tun würden.

Denn Kompromisse sind hier kein Verlust. Sie sind die einzige Form, wie dieses Miteinander überhaupt gelingen kann. Gerade jetzt. Gerade hier. Gerade in dieser Zeitenergie. Es bleibt nur dieser Weg: ein Schritt zurück, damit wir auf dem Radweg reibungslos aneinander vorbeifahren – und im Leben gut miteinander auskommen. Grenze und Überforderung, wie ich sie in den 12‑Innere‑Anteilen beschrieben habe, sind auf dem Radweg unmittelbar sichtbar: zu wenig Raum, zu viel Anspruch, zu hohe Verdichtung. Wir tragen alle unseren eigenen Rhythmus hinein. Jeder bringt seine eigene Geschwindigkeit, seine eigene Erwartung, seine eigene Grenze und manchmal auch seine eigene Überforderung mit.

Auf dem Radweg zeigt sich genau das, was ich in den 12‑Inneren‑Anteilen beschrieben habe: Grenzen, die nicht wahrgenommen werden, und Überforderung, die entsteht, wenn zu viel gleichzeitig getragen werden soll. Die Eiligen, die Zögernden, die Anspruchsvollen, die Überforderten, die Unachtsamen, die Übervorsichtigen — sie alle machen diese Dynamik sichtbar.

Was wir daraus lernen können? Dass Grenzen Orientierung geben. Dass Überforderung ein Hinweis ist, kein Makel. Dass uns das "zu viel" nicht zu schlechteren Menschen macht, sondern nur spürbar werden lässt, dass wir eigentlich nur entspannen wollten.

Und dass ein Schritt zurück oft mehr Wirkung hat als jedes Vorwärtsdrängen.

Vielleicht liegt genau hier die milde Pointe: Wir stehen alle auf derselben Bühne, die manchmal zur Eierlegenden‑Wollmilchsau wird. Wir alle wollen etwas, das der Radweg nicht gleichzeitig leisten kann. Wir alle sind manchmal zu schnell, zu langsam,

zu vorsichtig, zu abgelenkt, zu sehr im eigenen Kopf.

Wenn wir das erkennen, können wir uns selbst ein wenig weicher sehen —

und die anderen auch. Warum ich diesen Blog schreibe? Vielleicht, weil jeder von uns ein kleines Engagement in diesem bunten Wollmilchsau‑Alltag hat — und ich meines einfach aufschreibe. Und nun steige ich ein, in meine Fahrrad-Meditation — im rhythmischen Versuch, bei mir zu bleiben. Und werde den Gedanken an die therapeutische Distanz und das Siezen — als Einstieg für den nächsten Blog nehmen. Aufgetaucht im Flow der Bewegung.

Aus diesem Raum heraus antworte ich gerne auf Ihre Nachricht — wenn sie aus einer ruhigen, wertschätzenden Haltung kommt — unabhängig davon, ob wir dieselbe Sicht teilen. hp-sa.syfuss@t-online.de

 
 
 

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